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Ein Wunsch, der viele Jahre warten musste

Schon seit vielen Jahren begleitete mich ein Wunsch: einmal in einem klassischen Chor zu singen. Nicht, weil ich von klassischer Musik besonders begeistert wäre und oder den ganzen Tag nur Sinfonieorchester höre. Aber ich wollte es einfach mal erleben. In diese Klangwelten eintauchen. Diese Gesangstechnik lernen. Die grossen Werke klassischer Meister singen. Eine kleine Saite in einem grossen Ganzen sein.

Während der intensiven Familienphase war an die Umsetzung dieses Traums nicht zu denken. Der Weg in die nächste Stadt war weit, ich hatte keine Energie für einen zusätzlichen, fix besetzten Wochentag. Und vor allem lag mein Fokus auf der Familie – auf unseren Kindern und der gemeinsamen Zeit.

Nun sind diese Kinder gross und gehen ihre eigenen Wege, auch wenn wir nach wie vor unter einem Dach leben. So rückte dieser Wunsch wieder in den Vordergrund. Nicht, dass mein Leben plötzlich ruhiger geworden wäre. Die letzten Monate waren beruflich und privat intensiv. Innerlich und äusserlich war vieles in Bewegung und schliesslich ging meine Anstellung beim bcb Bildungszentrum zu Ende. Ich war also ziemlich absorbiert. Man könnte meinen: Sicher nicht der richtige Zeitpunkt für ein neues Projekt. Und doch spürte ich: Jetzt, möchte ich es angehen. Mir zuliebe.

Der erste Schritt in eine unbekannte Welt

Ich begann, mich über verschiedene Chöre zu informieren, und besuchte Ende Jahr die Konzerte zweier klassischer Chöre. Die Konzerte waren schön. Beeindruckend. Und doch merkte ich: 1. Eine fremde Welt. 2. Das möchte ich mir jetzt nicht ständig und stundenlang anhören. 3. Aber selber mittendrin stehen und mitsingen? Das ist etwas ganz anderes! Das möchte ich ausprobieren.

Also sass ich im Januar in einer Schnupperprobe eines klassischen Chors. Das kostete mich durchaus Überwindung. Ich kannte niemanden, wusste nicht, was mich erwartete, und musste mich an einem neuen Ort zurechtfinden – alles Dinge, die ich nicht besonders liebe. Doch ich spürte einfach: Das will ich jetzt versuchen. Ideal, dass dieser Chor mit der Toggenburger Passion ein überschaubares Werk einstudierte. Es dauerte nur 4 Monate, genau richtig, um herauszufinden, ob das etwas für mich ist.

Da sass ich also in meiner ersten Chorprobe. Noch etwas hin- und hergerissen. Will ich wirklich jeden Dienstagabend unterwegs sein? Noch mehr Termine? Dann war ich auch noch mit Abstand die Jüngste. Doch dann probten wir den Psalm 23. Die Klänge breiteten sich in meinem Herzen aus. Ich tauchte ein und wusste plötzlich ganz klar: Hier möchte ich sein.

Eine Kraftquelle mitten im Alltag

Von da an war ich jeden Dienstagabend dabei. Egal, wie es mir ging, ob mir gerade ein strenger Arbeitstag alles abverlangt hatte – diese zwei Stunden entführten mich in eine andere Welt. Alles andere trat in den Hintergrund. Ich durfte einfach eintauchen, singen und geniessen. Es fühlte sich an wie eine wohltuende Seelenmassage. Genau das Richtige in einer Zeit, die vieles von mir forderte.

Schliesslich fanden zwei wunderbare Konzerte statt. Solisten, ein kleines Orchester, ein Hackbrett –aus den vielen Proben wurde ein grosses Ganzes. Und ich stand mitten in der Kirche und wusste einfach: Es war eine richtig gute Entscheidung, diesem lang gehegten Wunsch zu folgen. Ja, es bedeutet zusätzlichen Aufwand. Es braucht Zeit, jede Woche eine längere Fahrt und einen reservierten Abend. Aber es gibt mir so viel zurück.

Manchmal ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt

Inzwischen proben wir bereits das nächste Werk: Fauré. Anspruchsvoll, herausfordernd und wunderschön. Wieder traumhafte Klangwelten. Abtauchen in andere Sphären. Die Welt rundherum vergessen. Einfach einen Abend lang tun, was mir Freude macht.

Was ist dein Traum? Was hindert dich daran, ihm nachzugehen? Nicht jeder Traum muss sofort Wirklichkeit werden. Manche brauchen ihre Zeit. Es gibt Lebensphasen, in denen anderes wichtiger ist. Das ist in Ordnung.

Aber manchmal kommt der Moment, an dem ein alter Traum leise wieder anklopft. Oder vielleicht verändert er sich und es entsteht ein neuer Traum, der gelebt werden möchte.

Vielleicht steckst du gerade in herausfordernden Zeiten. Vielleicht kreisen deine Gedanken ständig um das, was schwierig ist. Dann lohnt sich die Frage: Was könnte dir gerade jetzt Kraft geben? Was lässt dich für einen Moment durchatmen? Was könnte zu einer kleinen Oase werden, die dich trägt? Manchmal können schon ganz kleine Dinge einen Unterschied machen!

Oft finden wir viele Gründe, warum etwas gerade nicht geht. Ich kenne das nur zu gut. Wir sammeln «Abers», wägen ab und verschieben unsere Wünsche auf später.

Doch was, wenn genau dieser eine Schritt dir neue Energie schenken würde? Was, wenn gerade das, was zunächst wie zusätzlicher Aufwand aussieht, sich als Kraftquelle entpuppt? Kraft, die du eigentlich gerade so dringend brauchst? Vielleicht könnte auch der geplante Schreibtag in der Natur so eine Kraftquelle für dich sein?

Vielleicht wartet dein Traum gar nicht darauf, dass irgendwann alles perfekt ist. Vielleicht wartet er einfach nur darauf, dass du ihm eine Chance gibst.

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